Der Mensch und die erfundene Ordnung

- Was eine erfundene Ordnung ist, wie sie entsteht und was sie bewirkt -

Dieser Beitrag handelt davon, was eine erfundene Ordnung ist, wodurch sie entsteht und wie sie unser Leben jeden Tag prägt. Sich dessen bewusst zu werden und die Hintergründe über die Zusammenhänge im alltäglichen Leben zu verstehen, soll dir helfen über den Tellerrand zu schauen und freier zu denken. Die Erkenntnisse darüber basieren großteils auf den Ausführungen des Historikern Yuval Noah Harrari in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“.

Vorweg ein kurzes einleitendes Beispiel zum Thema Fußball:

Hast du je abseits der großen Pokale, der medialen Berichterstattung und dem Trubel der Fans darüber nachgedacht, was da eigentlich bejubelt wird? Was ist Fußball? – Ein Sport? Eine Leidenschaft? Ein Spiel? Warum spielen Menschen Fußball? Was ermöglicht Menschen Fußball zu spielen? Man kann für diese Fragen selbstverständlich viele Antworten finden. Diese reichen von Unterhaltung über sportlichen Teamgeist bis hin zum Lebensinhalt bestimmter Personen. Im Grunde jedoch – im Kern und ohne das ganze Tramtram – sind es die festgelegten Regeln, die das Spiel Fußball entstehen lassen. Du musst die Regeln gelernt haben, um mitzuspielen.

Klingt ziemlich unromantisch. Gerade so ein emotionales Thema wie Fußball sollte man doch nicht so rational herunterbrechen, oder? Aber warum ist es so emotional und bleibt nicht einfach ein Spiel? Warum hat es solch eine Bedeutung? Ganz einfach: Weil wir ihm diese Bedeutung geben.

Im Grunde ist Fußball somit eine erfundene Ordnung.

Was ist eine erfundene Ordnung?

Bromorrow-Vogel

<< Eine erfundene Ordnung ist eine Fantasie bzw. ein Weltbild, das durch den Glauben daran die Realität gestaltet. Dadurch, dass viele diese selbst erdachte Ordnung für die reale Wahrheit halten, bestimmt sie ihre Wünsche und ihr Verhalten. >>

An sich basieren unsere gesamte Zivilisation und Kultur auf erfundenen Ordnungen. Zu ihnen gehören Vorstellungen von Glück, Liebe, Erfolg und Tugendhaftigkeit, genauso wie Wirtschaftssysteme, Gesellschafts-strukturen und Religionen. Man kann sie nicht anfassen. Sie sind etwas, das in unseren Köpfen existiert und zu einem gewissen Denken oder Verhalten bewegt. Dadurch wiederum erscheinen sie für uns real. Sie werden Wirklichkeit.

Einfach gesagt: Aus ein paar einfachen Regeln wird ein Spiel wie Fußball, das Millionen von Menschen weltweit in Ekstase versetzt. Würde jedoch ein Außerirdischer auf der Erde landen – ohne diese Vorstellungen, ohne diese Überzeugungen – sehe er nur 22 Männer einem Ball hinterherlaufen – und mehr nicht.

Was ist der Grund für erfundene Ordnungen?

Für das Entstehen dieser erfundenen Ordnungen, die unser komplettes Leben prägen, lassen sich drei Gründe finden:

1. Fantasie eng mit materieller Welt verschmolzen

Heute betrachten wir Individualität als selbstverständlich. Die gegenwärtige Meinung ist man solle Hänseln anderer ignorieren und man selbst sein. Ein besonderer Ausdruck dieser Individualität der Gesellschaft ist das nahezu jeder ein eigenes Zimmer hat. Einen eigenen Raum zur Entfaltung. Die Überzeugung bzw. Fantasie, der Individualität prägt damit die Realität. Die Realität bestärkt wiederum die Fantasie.

Anders im Mittelalter: Die Vorstellungen zogen von den Köpfen in die Burgen. Ein Baron hatte keine eigenen Zimmer. Alle Menschen in der Burg schliefen in einer großen Halle. Für Individualität war kein Platz, weder geistig noch physisch. Fantasie und materielle Werte sind in ständiger Wechselwirkung zueinander. Sie verschmelzen und bestärken sich.

2. Die erfundene Ordnung prägt unsere Wünsche

Was wünscht du dir vom Leben? Nehmen wir an, es ist Liebe. Also den einen Menschen zu finden, mit dem du glücklich den Rest deines Lebens verbringst. Sicherlich erkennst du dieses Motiv von vielen Menschen und vielleicht dir selbst wieder. Nur warum ist das eigentlich so? Eigentlich kann man sagen, wir wurden in diese Überzeugung, wie auch in viele andere, hineingeboren. Unsere Wünsche werden von den existierenden Mythen vorgegeben. Diese können romantisch, kapitalistisch oder auch nationalistisch sein. “Hör auf dein Herz” beispielsweise ist so ein Glaubenssatz. Er stammt allerdings aus der modernen Konsumgesellschaft. Er ist erdacht und dennoch prägt er real unsere Wünsche.

Eine weitere Manifestation der heutigen erfundenen Ordnung ist Urlaub im Ausland. Dies ist biologisch und geschichtlich keineswegs natürlich. Vielmehr spiegelt er die Überzeugung wieder, dem Alltag entfliehen und irdische Erfahrungen und Emotionen erleben zu wollen. Man spricht dabei auch vom romantischen Konsumismus – dem Glück durch neue Produkte und Dienstleistungen.  Etwas, das sich durch die Erlebnisökonomie entwickelt hat. Diese Ausführungen sollen dabei jedoch keineswegs nur negativ klingen. Mythen sind geschichtlich die Hauptverantwortlichen für Höchstleistungen von Menschen. Dies belegen zum Beispiel die Errichtungen riesiger Kirchen oder der Bau der Pyramiden in Ägypten.

3. Die erfundene Ordnung ist intersubjektiv

Es gibt drei Unterscheidungen zur Bewertung einer Existenz:

  1. Objektiv: Existiert etwas objektiv, so existiert es unabhängig vom menschlichen Bewusstsein und wird in seiner Realität auch nicht durch es beeinflusst.
  2. Subjektiv: Im subjektiven Sinne ist eine Existenz abhängig vom Bewusstsein und der Überzeugung eines einzelnen Menschen. Wie er es wahrnimmt, beeinflusst sie.
  3. Intersubjektiv: Die Existenz entsteht durch die gemeinsame Vorstellung von Milliarden von Menschen. Beispiele hierfür sind Gesetze, Geld, Unternehmen oder Götter. Sie werden real innerhalb eines Kommunikationsnetzwerks, das die subjektive Wahrnehmung einzelner verknüpft.

Würde die Masse an Menschen nicht an Geld glauben, könnte man kaum mit diesen Papierscheinen bezahlen. Würde nicht ein ganzes Land Gesetze für verbindlich halten, würden sie kaum das Alltagsleben regulieren können. Da aber jeder an sie glaubt, sind sie real. Intersubjektivität ist der Ursprung einer erfundenen Ordnung. Man kann sich dem nicht erwehren. Wer Gesetze als für ihn nicht geltend betrachtet, der landet wahrscheinlich im Gefängnis. Um einem intersubjektiven Konstrukt, d.h. einer erfundenen Ordnung, zu entkommen, ist es notwendig die Überzeugung von Millionen von Menschen zu ändern. Erfundene Ordnung sind daher in der Regel nur durch komplexe Organisationen veränderbar wie Parteien oder Religionen. Man muss Menschen an andere Mythen glauben lassen.

Warum du einer erfundenen Ordnung nicht blind folgen solltest

Wie du jetzt weißt, sind viele Dinge im Leben, die dir immer als so selbstverständlich und essenziell erscheinen, gar nicht so wirklich wie es scheint. Sie sind erfunden. Aber wie alles, was sich irgendwer ausgedacht hat, muss dies nicht unfehlbar sein. Trotz der romantischen Bilder in den Medien muss es nicht die Liebe sein, der du ständig hinterherjagen musst. Es muss nicht der hohe Posten im Unternehmen sein, der dein Leben wertvoll macht. Natürlich kannst du daran glauben und es kann real für dich werden. Aber es ist nicht die Wahrheit nur weil alle daran glauben. Daher hinterfrage Strukturen und entwickle deine eigenen Überzeugungen. Sei dir darüber bewusst, warum wir glauben, was wir glauben und finde deinen eigenen Weg.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lieber Marvin

    Herzlichen Dank, für die tollen Beiträge. Ich sehe, dass du dich damit beschäftigst und gerne dein Wissen teilst. Es braucht mehr Menschen wie dich!

    Beste Grüsse
    Fatih

    1. Hallo Fatih,
      vielen Dank für dein Feedback. Freut mich sehr das zu hören!
      Wir bleiben dran.

      Beste Grüße,
      Marvin

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